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Selbstexperiment „No Plastic!“ – Wie aus einem Mittel zum Zweck eine intrinsische Motivation wurde

Was mich zu „No Plastic!“ motiviert hat

 

Im Experiment “No Plastic!” dreht sich alles darum, Plastikmüll aus dem Alltag zu eliminieren. Wie wir bereits wissen, dominiert Plastik einen Großteil unseres täglichen Lebens. Ob Wegwerfprodukte, Lebensmittelverpackungen, Plastiktüten, Hygieneprodukte oder Einwegflaschen, die Liste ist lang. Dass Kunststoffe aus Erdöl hergestellt werden und nicht biologisch abbaubar sind, hat negative Effekte auf unsere Umwelt und damit auch auf uns.

 

Ich habe dieses Experiment aber hauptsächlich aus einem ganz persönlichen Grund ausgewählt: Ich möchte meinen Zigarettenkonsum reduzieren und schließlich ganz aufhören zu rauchen. Das passt mit “No Plastic!” insofern gut zusammen, dass Zigarettenfilter aus Kunststoff hergestellt werden und nur allzu oft auf der Straße oder auf der Wiese landen. Daher kam das Experiment genau zur richtigen Zeit in mein Leben. Ich rauche seit ich 16 Jahre alt bin und in der werteorientierten Kultur aus der ich komme, wird Rauchen als unwürdig und für junge Frauen als unangebracht angesehen. Ich habe seither mehrere gescheiterte Anläufe genommen, wieder damit aufzuhören. Durch das Experiment hatte ich  die Chance, systemisch an die Sache ran zu gehen, meine Erfolge und Misserfolge zu dokumentieren, intensiv zu reflektieren und schließlich mit dem Rauchen aufzuhören. Was mich zudem motiviert hat, ist das Wissen um die CO2-Emissionen, die durch meinen Plastikmüll ausgestoßen werden.

Erste „Aha-Momente“ und Erfahrungen

In der ersten Woche habe ich durch meinen Zigarettenkonsum 10g Müll produziert – das waren 40 Zigarettenstummel in sieben Tagen. Diese Zahl hat mich auf zweierlei Weise ziemlich erschreckt:  ich habe nicht nur das erste Mal  so richtig wahrgenommen , wieviel ich rauche , sondern auch realisiert, dass ich damit  der Umwelt Schaden zufüge und zum Klimawandel beitrage.

Nachdem ich das Experiment im November begonnen hatte,  habe ich es im Dezember geschafft, von 40 Zigaretten am Tag auf Null zu kommen. Und das war ein ziemlicher gamechanger für mich. Zu Beginn des Experiments hatte ich keinen Nachhaltigkeits-Hintergrund, aber nach und nach ist ein Teil meines Bewusstseins erwacht, von dem ich nicht wusste, dass es existierte. Neben dem Ziel, das Rauchen aufzugeben, fiel mir das Plastikvermeiden im Alltag leichter, als ich zuvor angenommen hatte. Dennoch realisierte ich, welch große Rolle Plastik in unserem Alltag spielt. Beim Einkaufen hingegen hatte ich keine großen Schwierigkeiten, Plastikverpackungen zu vermeiden. Ich hatte kein Bedürfnis nach Müsli, Keksen, Brot oder anderen Produkten, die in Plastik verpackt sind. Ich kochte einfache Gerichte mit frischem Gemüse, Bohnen aus der Dose, Tunfisch oder andere Dinge in dieser Art. Das war ziemlich einfach für mich, ging schnell und war gesund. Zu Beginn hatte ich Sorge, dass ich irgendwann Gelüste nach Produkten haben würde, die in Plastik verpackt sind. Aber diese konnte ich gut mit gesünderen und umweltfreundlicheren Optionen ausgleichen.

Verschiedene Bewusstseinsgrade

 

Aber ich muss auch zugeben, dass mein Studium an der Karlshochschule eine Umgebung mit sich bringt, in der bereits sehr auf einen geringen Plastikkonsum geachtet wird. Ich lebte vorher in Saudi Arabien, Pakistan und Großbritannien und habe bisher nirgends ein höheres Bewusstsein für den Klimawandel und Umweltverschmutzung erlebt. Das Experiment “No Plastic!” in meinem Umfeld zu thematisieren gelang mir deswegen recht gut. Meine Kommilitonen waren offen und haben mich unterstützt, um letztlich einen nachhaltigeren Lebensstil zu erreichen. Diese Erfahrung hat mich motiviert, die Idee noch weiter zu verbreiten.

Allerdings wurde ich auf den Boden der Realität zurückgeholt, als ich Ende Dezember unerwartet nach Pakistan fliegen musste. Es ist dort z.B. nicht üblich, nach plastikfreien Verpackungsalternativen in Restaurants zu fragen und man erntet durchaus abweisende oder uninteressierte Reaktionen, die die eigene Intention auf die Probe stellen. Ich habe einige Versuche gestartet, wurde aber nicht ernst genommen und konnte daher keine sinnvollen Gespräche über das Thema führen. Ich denke das war der Punkt, an dem ich realisierte, dass eine nachhaltige Lebensweise sowohl einer anderen Einstellung,  als auch eines anderen Verhaltens bedarf. Versteht und verinnerlicht man die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Umwelt nicht, kann auch keine positive Veränderung dahingehend stattfinden.

Eindrücke aus einer anderen Welt

Einen Schlüsselmoment hatte ich, als ich mit Freunden take-away-Essen in einem sehr bekannten und gut besuchten Restaurant in der Stadt bestellte. Es war so offensichtlich, wo Plastik vermeidbar wäre! Das Essen selbst kam, natürlich, in einer Plastikverpackung. Aber was mich wirklich erschüttert hat war, dass sogar die Servietten in Plastik verpackt waren! Dieses Restaurant ist bekannt für sein gutes Essen und immer gut besucht. Ich schätze, dass auch die täglichen Bestellungen durch einen Lieferservice eine durchschnittlich hohe Anzahl erreichen. Wenn sie für all solche kleinen Dinge Plastikverpackungen verwenden, ist der Schaden, den sie damit verursachen, wirklich unfassbar.

Ebenfalls interessant zu beobachten war der Gebrauch von Einwegplastiktüten in Supermärkten. In einer Stadt mit so vielen BewohnerInnen wie Karachi, sind die Supermärkte immer gut besucht. Die Regierung ist bereits einmal mit einem Verbot von Plastiktüten gescheitert, versucht es aber gerade noch einmal. Das heißt, jede Tüte kostet, wie auch in Deutschland, ein paar Cent. Beim Einkaufen wurde mir aber klar, dass sich nichts ändern wird, wenn die Einstellung der Menschen die Gleiche bleibt. Ich habe nicht eine einzige Person beobachten können, die die ebenso angebotenen Stofftaschen genutzt hätte.

Erste Schwierigkeiten im Experiment

Noch größere Schwierigkeiten hatte ich, meine Familie zum Gebrauch von Stoffbeuteln zu überzeugen. Ständig musste ich sie daran erinnern und motivieren, die Stoffbeutel einfach im Auto zu deponieren, um sie bei jedem Einkauf griffbereit zu haben.  Unglücklicherweise waren zwei gemeinsame Wochen auch einfach zu wenig, um meine Familie zur Teilnahme an meinem Experiment zu bewegen. Deswegen habe ich mich in diesen Wochen hauptsächlich von Obst, Gemüse und Reis ernährt, Lebensmittel, die nicht in Plastik verpackt waren (Reis gab es im Jute-Sack). Da ich während des Besuchs nicht gearbeitet habe und damit weniger beschäftigt war, fiel mir das insgesamt schwerer als in Deutschland.  Ich habe mich dabei erwischt, wie ich das Verlangen nach Fleisch hatte oder Kekse und Müsli naschen wollte. In Karlsruhe hätte ich zum “unverpackt” Laden gehen können, aber in Karachi musste ich einfach so durchhalten und von unverpacktem, frischem Gemüse und Obst und Reis aus einem Jute-Sack leben. Es fiel mir wirklich schwer, nicht all die Leckereien, für die Karachi bekannt ist, genießen zu können, aber es gab keinen Weg drum herum.

Was ich persönlich aus dem Experiment mitnehme

Abgesehen von diesen Rückschlägen, war es aber insgesamt eine sehr augenöffnende Reise und ich habe verstanden was es wirklich bedeutet, sich auf Veränderungen einzulassen. Es bedeutet vor allem, dass wir unseren Blick auf Nachhaltigkeit anpassen müssen, um in diese Richtung gehen zu können. In Ländern wie Pakistan könnten Bildung und Aktivismus ein Weg sein, diese Richtung einzuschlagen. Allerdings ist auch klar, dass solche Länder mit anderen Dingen zu kämpfen haben, beispielsweise korrupten Politikern.

Für mich war dieses Experiment nur ein Schritt näher Richtung Nachhaltigkeit und den Schritten, die ich gehen möchte, zum Schutz der Umwelt beizutragen. Ich bin dankbar, die Möglichkeit gehabt zu haben, auf eine solch interaktive Art und Weise zu lernen und mich einem Verständnis anzunähern, das ich mir so vorher gar nicht vorstellen hätte können.

 

Ich möchte jede/n, der/die sich dieser Herausforderung stellen möchte, ermutigen, sich selbst zu vertrauen, dass die Veränderung von Handlungsmustern möglich ist. Es kann schwierig sein, in dieser hoch globalisierten und konsumorientierten Welt auf Plastik zu verzichten, aber das Ausprobieren und Lernen gehört zum Prozess dazu.

Ich bin mir sicher, dass dich der Versuch nicht nur vieles lehren wird, sondern auch positive Aspekte für dich, die Menschen um dich herum und die kommenden Generationen bringen wird.

Kontakt

Sarah Meyer-Soylu

sarah.meyer@kit.edu  |  +49 721 608-23993

 

Eva Wendeberg

eva.wendeberg@kit.edu  |  +49 721 608-24841

 

Susanne Veith

susanne.veith@kit.edu  |  +49 721 608-26348

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